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Sprachlos im Netz oder vernetzt durch Sprache?

von Marion Fugléwicz

 

Der dyonisische Mensch ...besitzt die Kunst der Kommunikation im höchsten Maße. Er dringt in jede Haut, in jede Emotion, er transformiert sich kontinuierlich.

Friedrich Nietzsche, Der Wille Zur Macht

 

Wie läßt sich Kommunikation zwischen Mensch und Maschine definieren? Wo sind die Gemeinsamkeiten zwischen Gehirnfunktionen und Computerfunktionen? Gibt es künstliche Intelligenz? Oder etwa Zusammenhänge zwischen Kunst, (KÜNST-licher) Intelligenz und Informationsverarbeitung? Fragen, die man vielleicht auf ersten Blick der Philosophie zuordnet. Das wechselseitige Interesse von Philosophie und Computerwissenschaften füreinander wächst. Vor allem für die Informatik, die sich als Ingenieursdisziplin mit der Entwicklung von Maschinen für die Anforderungen der Anwender befaßt, werden zusehends Problembereiche relevant, die gewöhnlich in der Philosophie untersucht werden.

Vernetzung hat viele Gesichter. Nicht notwendigerweise denkt man dabei zuerst an Computer.

 

,,Nach einer Zeit des Verfalls kommt die Wendezeit...Altes wird abgeschafft, Neues wird eingeführt, beides entspricht der Zeit und bringt daher keinen Schaden.“ Mit diesen Worten aus dem alten chinesischen Weisheitsbuch ,,I Ging" beginnt der Physiker und Philosoph Fritjof Capra eines seiner Hauptwerke - das Buch ,,Wendezeit" mit dem Untertitel ,,Bausteine für ein neues Weltbild".

 

Capra, wiewohl einer der führenden Darsteller des wissenschaftlich-ganzheitlichen Denkens, ist aber nur einer von vielen Naturwissenschaftern, Philosophen und Psychologen, die sich nunmehr seit den Siebzigerjahren mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit das technologische Zeitalter unser Weltbild verändert. (1)

Es sei den Naturwissenschaftern unseres Jahrhunderts keineswegs leichtgefallen, die neue  Sicht des physikalischen Universums zu akzeptieren, sagt Capra. Nun gehen ja bekanntlich politische, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Umbrüche immer mit Krisen einher.

An Lösungsmodellen solcher Krisen wird allerdings in den Gehirnen der Wissenschafter im Computerzeitalter auch schon fleißig gebastelt: ,,Vernetztes Denken" lautet ein Schlagwort, das - über eine populärwissenschaftliche Komponente hinaus - eine echte Alternative darstellt zum jahrhundertelangen Schulenstreit der Fakultäten. Man muß allerdings mit diesem Begriff etwas vorsichtig umgehen: Zur Zeit ist es nämlich immer noch so, (da das ,,vernetzte Denken" ja bislang nur von einigen Wenigen in der Praxis umgesetzt wird), daß jeder etwas anderes darunter versteht. Was macht nun „vernetztes Denken“ aus und wie hängt es mit der Sprache zusammen? Einen Teil dieser - äußerst komplexen - Frage bemühe ich mich, in diesem Text zu beantworten.

 

Cognitive Science - Information und Verhalten

In der Kognitionswissenschaft (Cognitive Science) etwa wird der Mensch unter dem Aspekt der Informationsverarbeitung studiert. Wozu Kognitionswissenschaft? - Die Computerwissenschaft wäre ohne Kognitionstheorie nicht denkbar. Sie hat sich in den Vereinigten Staaten aus den Bereichen Linguistik, Künstliche Intelligenz, Philosophie und Psychologie entwickelt und ist dort eine fix etablierte Wissenschaft. Als eigenes Fach wird sie in ôsterreich noch nicht verstanden, dennoch setzen sich Geistes- und Naturwissenschaftler auch hierorts vermehrt mit ihr auseinander. Vom psychologischen Ansatz her dem Behaviorismus (einer Schule, die sich mit dem menschlichen Verhalten beschäftigt) verhaftet, erfährt diese Disziplin durch den Computer ein besseres Verständnis.

 

Ein Anliegen der Kognitionstheoretiker ist die Interdisziplinarität: Es ist wichtig, daß Disziplinen wie Psychologie oder Philosophie in den Computerwissenschaften Einzug halten, beziehungsweise sollte die Informatik als „Hilfsmittel“ angesehen, aber nach philosophisch-(psycho-) logisch-linguistischen Modellen vorgegangen werden. Soweit der Anspruch der Kognitionstheoretiker. Die Spezialisierung auf einzelnen Wissensgebieten ist - vor allem in den Vereinigten Staaten - schon so weit fortgeschritten, daß es scheint, man könne nicht mehr zurück. Im Gegenzug soll durch die Cognitive Science ein mehrdimensionaler Ansatz möglich werden.

 

Sprache und Programm

Die Interaktionsform zwischen Mensch und Computer muß allenfalls den menschlichen Bedürfnissen angepaßt werden, und nicht umgekehrt die Bedürfnisse den Maschinen. So etwa könnte ein Postulat der Kognitionstheoretiker lauten, das dem Menschen helfen soll, sich nicht dem Diktat der Maschine zu unterwerfen.

Die Gemeinsamkeit zwischen Realität und Sprache ist die logische Struktur, sagt der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein, der in diesem Bereich bahnbrechend war. Diesen Gedanken greift die Kognitionstheorie auf und spinnt ihn weiter. Der Forschungsansatz der Cognitive Science muß in einem gewissen Sinn darin bestehen, daß man ein vernünftiges Konzept von informationsverarbeitenden Systemen entwickelt: Ein Konzept, das gewissermaßen beiden Seiten (also der technischen und der philosophisch-reflexiven) gerecht wird. Nehmen wir etwa irgendein informationsverarbeitendes System, dem - aus der Sicht des Anwenders - beobachtete, beziehungsweise bekannte Sachverhalte eingegeben werden. Diese werden system-atisch ausgewertet, sodaß der Anwender schließlich Informationen über die gesuchten, neuen Sachverhalte erhält. Das Interesse der Informatik an philosophischen Fragestellungen ist nun eigentlich eine Konsequenz aus den Anforderungen, die von den Anwendern - zum Teil Wissenschaftern anderer Disziplinen - an sie herangetragen werden. Es orientiert sich am Bedürfnis des Menschen, seine Kenntnis der Welt zu erweitern, davon geht zumindest die Philosophie aus. Dieses Interesse ist Informatikern oder Programmierern allerdings in den seltensten Fällen als philosophisches bewußt.

 

Wie ist nun ist das Netzwerk  des menschlichen Gehirns mit seinen Programmen und Systemen  aufgebaut? Menschen sind in ihrem Verhalten (vor-) programmiert, haben quasi unterschiedliche Betriebssysteme. Analogien mit Computer-Programmen liegen nahe. Etwas später werde ich versuchen, einen kurzen Abriß über ein Kommunikationstraining namens NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) sowie verschiedene andere systemische Ansätze darzustellen.

 

Der Computer ist „auch nur ein Mensch“

Viele Computer-Anfänger, aber auch erfahrene Fachleute erliegen einem grundlegenden Fehler: Sie vergessen in der Kommunikation mit der Maschine, mit „wem“ sie reden. Ein Phänomen, das durch das Internet und seine Anwendung extrem verstärkt wird. So mancher Anwender läßt sich schnell zu der irrigen Annahme verleiten, der Computer „wüßte“ was er tut. Es gibt Studien, die nachgewiesen haben, daß Menschen mit dem Computer „reden“ wie mit einem Partner.

Das Arbeiten eines Menschen an einer Maschine, die Anzeigen über Systemzustände als Feedback liefert, wird - meines Erachtens nach leichtfertigerweise - als Mensch-Maschine-Kommunikation bezeichnet. Dem liegt ein simplifiziertes Sender-Code-Empfänger-Modell zugrunde, das wesentliche Phänomene nicht berücksicht, wenn man es auf sprachliche Kommunikation anwendet. Die Bezeichnung „Computersprache“ etwa ist prädestiniert, Mißverständnisse und Fehler hervorzurufen. Die philosophische Diskussion, die sich daraus ergibt, ist die der "Intentionalität" des kommunikativen Handelns: Die Maschine hat keinen freien Willen, sie ist angewiesen auf die Intention (Absicht) des Systementwicklers.

Wünschenswert könnte natürlich sein, ein Software-System dahingehend zu entwickeln, daß es fähig wird, Befehle so zu interpretieren, daß sie „sinnvoll“ werden. Eine solche Interpretation würde allerdings voraussetzen, daß das System mit „gesundem Menschenverstand“ ausgestattet wäre, und darüberhinaus über vollkommenes Wissen von der Absicht des Programmierers verfügte.

Das Bewußtsein, eine Maschine vor sich zu haben, sollte also weder ein Programmierer noch ein „gemeiner Anwender“ aus den Augen verlieren. Der Umgang mit der Maschine wird dem geübten Programmierer aufgrund der gewohnten Strukturen vielleicht vertrauter sein als dem durchschnittlichen PC-Benutzer.

 

Sind Programmierer „andere“ Menschen?

An diese Überlegungen knüpft sich nun für mich die Frage, ob Programmierer durch ihre ständige Auseinandersetzung mit logisch rationalen Problemen, generell andere Denkstrukturen haben, als andere Menschen.

Wenn man über Jahre hinweg mehrere Stunden täglich mit dem Computer „kommuniziert“, liegt es schließlich nahe, daß das irgendwelche Konsequenzen auf die Gehirnstrukturen solcher Menschen haben könnte. Und wie ist das mit der Internet-Kommunikation?

„Im Mensch-Maschine-Kommunikationssystem werden wir es noch soweit bringen, daß uns der Computer (das Netz?) das ganze Denken abnehmen muß“, würde ein Kognitionswissenschaftler nun wohl bemerken. Der „gemeine Software-Anwender“ erwartet im allgemeinen, von seinem Programm Problemlösungen zu erhalten; sodaß er also nurmehr die Problemstellung durch die Eingabeparameter konkretisiert. Das Zustandekommen eines möglichen Ergebnisses freilich kann er im Detail nicht mehr überblicken.

Wirken sich derlei Sachverhalte auch auf den Alltag eines Programmierers aus? Beziehungsweise handelt ein Programmierer „programmatisch“? Und wenn ja, handelt nicht eigentlich jeder nach gewissen Verhaltensmustern? Ist ein Muster ein Programm? Können wir lernen, unsere Programme so zu verändern, daß wir schneller denken können? Oder anders? Entziehen sich gewisse Aspekte unseres Denkens unserer Kenntnis?

Vielleicht hilft folgender Abriß dabei, diese Fragen zu beantworten.

 

Persönlichkeitsbildung und Kommunikation

Unerläßlich für die Persönlichkeitsbildung von Computerexperten und Managern hält etwa Herbert Pietschmann, Ordinarius für Theoretische Physik in Wien und Lehrer Fritjof Capras, Kommunikationsübungen. Darunter sind sowohl die Methoden der Gruppendynamik und des Führungstrainings als auch die Psychoanalyse zu verstehen.

Amerikanische Systemanalytiker, Projektmanager und Organisatoren wissen längst, daß „reine Techniker“ keine Zukunft haben. Die idealen EDV-Leiter sollten - so schlagen etwa Beratungsfirmen seit Jahren vor - breite Geschäftserfahrung mit der Detailliebe des Technikers vereinbaren - am besten kombiniert mit journalistischem, philosophischem oder wirtschaftlichem Hintergrund.

Die in den letzten Jahren oftmals zitierte ,,New Age" oder ,,Light Age"-Strömung entstand in den Siebzigerjahren in den Vereinigten Staaten. Von der Westküste ausgehend forderte man da plötzlich ganzheitliche Ansätze in der Medizin; die Psychologie wurde eine ,,humanistische"; spirituelle und esoterische Bewegungen sprossen aus dem von der Hippie-Generation locker aufbereiteten Boden.

Dieses Bewußtsein war - laut Capra - kein politisches, sondern ein rein geistiges. Die Umwelt-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung im Lichte des Vietnamkrieges entwickelten sich parallel dazu.

Eine wichtige Rolle für die Verknüpfungs-Visionen, die - spätestens seit damals sowohl Geistes- als auch Naturwissenschaften durchströmen, wird zukünftig auch dem Ausbildungsbereich zukommen. Eine Verbreiterung des Horizontes wird in allen Disziplinen notwendig sein.

 

Der systemische Mensch

Wie kommt es eigentlich, daß wir in manchen Situationen beweglich und reich an Möglichkeiten sind und in anderen hilflos und unbeweglich? Ist es möglich, Kommunikation so lehr- und lernbar zu machen wie ein Handwerk? Unsere Worte können - wie ein Knopfdruck - bestimmte Programme in uns in Gang setzen, die in unserem Gehirn, der „Festplatte“ gespeichert sind und dort ruhen, bis sie aktiviert werden. Von diesem Modell geht NLP aus. Eine der Methoden, die - ebenso an der amerikanischen Westküste, nahe dem Silicon Valley und damit nicht nur inhaltlich, sondern auch geographisch nahe den Computer- und Kognitions-Wissenschaften - entwickelt wurden. Das wenig aussagekräftige Kürzel steht für Neuro-Linguistisches Programmieren und weckt solchermaßen sofort die Assoziation zur Computerwelt. Dahinter verbirgt sich eine ungemein attraktive und effiziente Therapie-, Trainings- und Kommunikationsmethode. Sie basiert auf dem simplen Tatbestand, daß jeder Mensch permanent mit bestimmten Verhaltens- und Kommunikationsmustern konfrontiert ist - sowohl den eigenen, als auch denen anderer Menschen. NLP versucht, diese Muster darzustellen, korrigierend einzugreifen und dadurch seinen „Anwendern“, um in der Computersprache zu bleiben, zu glücklicherem, zufriedenerem und erfolgreicherem Er-Leben zu verhelfen.

Die Verbindung der intuitiven und kreativen Methode zur Natur-Wissenschaft ist zweifellos gegeben: Das Wort Neuro zeigt an, daß Worte und Informationen neurologisch gespeichert werden. Linguistisch steht für Sprache - es wird untersucht, welche (Zusatz-) Informationen beim Gebrauch der verschiedenen Worte bewußt transportiert oder unbewußt weggelassen werden. Programmieren steht für die verschiedenen inneren Denkprozesse, die für unser zwischenmenschliches Verhalten entscheidend sind. Manche Menschen denken primär in Bildern, andere in Worten oder Gefühlen. NLP geht davon aus, daß in jedem Menschen eine eigene innere subjektive Wirklichkeit vorhanden ist. Stimmen wir dieser Annahme einmal zu, so sollte der Entdeckung der eigenen inneren Landschaft - die NLP-isten sprechen auch von inneren Landkarten - nichts mehr im Wege stehen.

 

Gefangen im Netz...

Wenn Menschen nun in ihren Verhaltensweisen vor-programmiert sind, so könnten Sie, geschätzter Leser, jetzt fragen, scheint die freie Willensentscheidung, die Software-Parameter im nachhinein zu verändern, äußerst fragwürdig. Und vielleicht liegt darin einer der Hauptunterschiede zwischen Mensch und Maschine: Es genügt nicht, Mechanismen von Dingen und Phänomenen bloß zu beschreiben, wir müssen sie spüren, sie in ihrem Wesen erfassen und annehmen. Geradezu bezaubernd erscheint dabei die Verbindung von Neuschöpfung -Kreation und System.

 

Mag. Peter Schütz (2) spricht vom Modell des NLP. Modell deswegen, weil der Anspruch einer Theorie schon die „Wissenschaftsarroganz“ beinhaltet. Es gibt mehrere Ebenen; eine davon ist das reine Sinnessystem. Es scheint aber auch inhaltliche Konfigurationen für Formen oder Gegenstände und auf einer weiteren Ebene solche für Beziehungen zu geben. Sodaß man sich fragen kann - welche Beziehung Beziehungen regt bei mir welche Assoziationen an? NLP arbeitet mit Erinnerungen, Wahrnehmungen und inneren Zuständen. Es gibt auch Meta-Programme, die darauf hinweisen, wie Gedanken sortiert werden.

 

 

...oder freie Willensentscheidung?

Stellt man sich eine Art Kugel mit konzentrischen Schichten vor, so enthält die innerste die sogenannten Submodalitäten, also die Eigenschaften der Sinnessysteme, dann diese selbst, darüber kommen die Konstrukte daraus, also deren Inhalte; darüber stülpen sich Beziehungen zu Personen und darüber Beziehungen von Beziehungen. Kaum ein Computerprogramm kann komplizierter sein. Je nachdem, wie die menschliche Festplatte formatiert wird, also die Kindheits-Prägungen gelagert sind, liegen die Schwerpunkte menschlicher Wahrnehmung später mehr in der einen oder anderen Richtung. Eine Art „Unter-Betriebssystem“, das auf Übereinstimmung taktet, bestimmt - durch Ab- und Ankoppeln von Bild an Ton oder Sprache an Gefühl - wie Menschen ihre Umwelt oder auch ihre innere Welt erleben. Ein Bauteil dieses Systems ist die Fähigkeit, auf „assoziierten oder dissoziierten Betrieb“ umzuschalten. Diese Fähigkeit läßt sich erlernen und ausbauen. Den größten Teil des Speichers im Gehirn nehmen bekanntlich die sogenannten „hidden files“ ein - das Unbewußte. Diese Dateien können - wie etwa in einer relationalen Datenbank - über sehr unterschiedliche Parameter angesprochen werden. Die starke Anmutung der NLP-Sprache an die Computerwelt kommt übrigens daher, daß ein Teil der menschlichen Denkprozesse - nämlich der des Regelkreises - eine Grundannahme der Kybernetik ist. NLP als Methode ist nicht nur aus verschiedenen Schulen der Psychologie entstanden, wobei etwa die Arbeit von Gregory Bateson, Fritz Perls, Virginia Satir und Milton Erickson sehr maßgebend waren - sondern fußt auch in der Systemtheorie. Auch die berühmte Watzlawick-Frage nach der Wirklichkeit der Wirklichkeit stellt einen Konnex zu Welten her, die heute in der Computerindustrie mit den marketingmäßig vielversprechenden Kürzeln Virtual Reality oder Interaktivität verkauft werden sollen. Menschen sind interaktiv aufgebaut, - wenn sie gut miteinander umgehen können, dann macht das Spaß. Spaß multipliziert sich im Regelfall, wie man (aus zahllosen Versuchen) weiß - sogar bis zur totalen Erschöpfung.

Eine der Kerntechniken des NLP, das sogenannte Zielmodell, entspricht in etwa der strukturierten Problemanalyse der Informatik. Dabei wird ein Ziel definiert und gefragt, welche Sub-Ziele uns helfen, unser Potential zu leben. Die Methode geht davon aus, daß wir alles, was wir brauchen, zumindest potentiell schon in uns tragen. Je attraktiver wir dabei unsere Ziele für uns selbst gestalten, desto lustvoller werden wir auf sie zugehen.

 

 

Kommunikation ist ein Ur-Bedürfnis

Das zentrale Bedürfnis des Menschen nach Kommunikation ist in seinem anatomisch bipolaren Aufbau zu suchen - es gibt immer zwei Teile, die zusammengehören. Es könnte also ein Grundaxiom sein, Kontakt zu haben sowie ein gutes Wechselspiel von synchroner und asynchroner „Taktfrequenz“. Der aristotelische Satz „Der Mensch ist ein soziales Wesen“ belegte bereits im vierten vorchristlichen Jahrhundert die menschliche Begierde nach Eingliederung in ein gesellschaftliches System; der biologische Beweis kann unter anderem in der Verhaltenswissenschaft - etwa bei Konrad Lorenz - gefunden werden.

 

Ist es nun aber nicht so, daß das Netz diesem Ur-Bedürfnis nach Kommunikation - auf gefährliche Weise - Vorschub leistet? Bietet nicht die maschinelle Einbindung in ein weltweites Geflecht aus potentiellen Ansprech-Partnern Anlaß zu größter Beunruhigung?

 

Jean Baudrillard spricht von der Ekstase der Kommunikation: „Obszönität beginnt dort, wo es kein Spektakel (mehr) gibt, keine Bühne, kein Theater, keine Illusionen. Dort, wo alles sofort transparent wird, sichtbar; exponiert im rohen, unerbittlichen Licht von Information und Kommunikation. Wir spielen nicht mehr mit im Drama der Entfremdung, wir befinden uns in der Ekstase der Komunikation“. (3)

 

Das bedrohliche Überangebot des Internet bietet phantasiebegabten Infoholics nicht nur die Möglichkeit, ihr Kommunikations-Bedürfnis auszuleben, sondern gaukelt ihnen auch die ultimative Erfüllung sämtlicher Wünsche - wohlgemerkt auch irrationaler - vor. Das birgt natürlich die Gefahr in sich, diese Wünsche auch in der Realität zu behalten, wo sie mit Sicherheit nicht erfüllt werden (können). Und steckt nicht irgendwo in jedem von uns ein solcher phantasiebegabter Infoholic? Solange sich dieser über die Grenzen der Vernetzung bewußt ist, Visionen und Phantasien als solche definiert und intensiv bei seinem Bruder, dem freien Willen Anleihe nimmt, wird er den Suchtgefahren allemal widerstehen. Und sollte sich doch einmal ein Faust´scher „Verweile doch, du bist so schön“-Augenblick einstellen, so sei der phantasiebegabte Infoholic eingedenk einer Taste, die, wohl auch nicht von ungefähr, den Namen „Escape“ trägt.

 

 

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(1) Fritjof Capra meint in einem Ö1-Interview anläßlich der Veröffentlichung seines neuesten Buches „Lebensnetz“ Mitte August 1996: „Wenn wir es nicht schaffen, bis zum Jahr 2030 unsere ökonomischen Systeme den ökologischen anzupassen, dann wird die Menschheit nicht überleben, zumindest nicht in der derzeitigen Form“.

 

(2) Mag. Peter Schütz ist Therapeut und Trainer. Der Psychologe und Unternehmensberater ist außerdem Urgroßneffe von Sigmund Freud und hat - gemeinsam mit dem Neurologen Dr. Helmut Jelem - NLP vor 11 Jahren „nach Österreich gebracht“.

 

(3) Quelle: The ecstasy of communication: Jean Baudrillard, Semiotext(e), published by Autonomedia Brooklyn, New York. Textstelle: „Obscenity begins when there ist no more spectacle, no more stage, no more theatre, no more illusions, when everything becomes immediately transparent, visible, exposed in the raw and inexorable light of information and communication. We no longer partake of the drama of alienation, but are in the ecstasy of communication“.

 

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Weiterführende Literatur:

 

Fritjof Capra: Lebensnetz. Scherz Verlag. Bern, München, Wien, August 1996

Fritjof Capra: Wendezeit. Scherz Verlag. Bern, München, Wien, 1985

Werner Künzel und Peter Bexte: Maschinendenken/Denkmaschinen, An den Schaltkreisen zweier Kulturen, insel tb. Frankfurt und Leipzig, 1996

Peter Glaser: 24 Stunden im 21. Jahrhundert. Onlinesein. Zu Besuch in der neuesten Welt. Zweitausendeins: Frankfurt am Main, 1995

Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus. Logisch-Philosophische Abhandlung.

Paul Watzlawick: z.B. Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns. Picus Verlag, Wien, 1992

Gregory Bateson: Ökologie des Geistes. Suhrkamp tb, 1985

Umberto Eco: z.B. Streichholzbriefe. Carl Hanser Verlag. München, Wien, 1990

Jean Baudrillard: The ecstasy of communication. Übersetzung aus dem Französischen: 1988, Semiotext(e), published by Autonomedia Brooklyn, New York.

Michael Heim: The metaphysics of Virtual Reality. Helsel & Roth 1991.

 

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