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handbuch multimedia.

ein leitfaden für alle, die elektronisch publizieren.

 

 

 

if the medium is the message

is multi-media the multi-message?

 

 

Einführung

 

 

If the medium is the message, is multi-media the multi-message? Diese Frage stellte vor ziemlich genau zehn Jahren ein Wiener Multimedia-Consultant, der heute in Kalifornien lebende Florian Brody. Es war in einer interdisziplinären Lehrveranstaltung am Institut für Artificial Intelligence, bei Professor Dr. Robert Trappl in Wien. Heute muß ich lächeln, wenn ich daran zurückdenke, denn eigentlich hat die Fragestellung in keiner Weise an Aktualität verloren. Interessant hingegen ist, daß niemand die Frage auch nur teilweise zufriedenstellend beantworten konnte. Bis heute.

Die Mythen und Auslegungen, die sich um den Begriff „Multimedia“ ranken, sind bereits legendär. Seien es Konferenzen, Diskussionen oder zahllose Veröffentlichungen - das Thema ist sowohl ein „alter Hut“, als auch etwas profund Neues. Seine Popularität ist zu einem guten Teil einer simplen Lerntheorie zu verdanken: Je mehr Sinne angesprochen werden, desto bereitwilliger wird wahrgenommen, desto leichter wird verstanden, desto besser wird behalten. Umso mehr, wenn die Inhalte anspruchsvoll, beziehungsweise adäquat aufbereitet sind.

Die Bedeutung von Multimedia wird jedenfalls - wenngleich nach wie vor mannigfaltig in seiner Auslegung - als Industriezweig und Wirtschaftsfaktor immer wichtiger. Drei Merkmale sind für „Multimedia“ bestimmend: Die Integration verschiedener Medien, die Möglichkeit zu interaktiver Nutzung und der Gebrauch digitaler Technik. Multimedia ist aber nicht nur Technik oder Fernsehzukunft, sondern auch ein Politikfeld mit einer staatlichen Verantwortung für eine neue Infrastruktur. Im Zeitalter des Global Village sollte jeder einzelne Bürger und jedes Unternehmen die Möglichkeit haben, die weltumspannende Informationsgesellschaft zu nutzen. Erstrebenswert ist etwa eine entsprechende Infrastruktur elektronischer Ressourcen, die über Netzanschluß für jedermann zugänglich ist.

Während sich einerseits das Verständnis eines theoretischen Glanz- und Glamour-Faszinosum oder eines simplen Game-Tools immer mehr in Richtung anspruchsvolle, effiziente - und auch sehr praktikable - Anwendungen wandelt, nimmt andererseits auch die Nachfrage für Multimedia-Inhalte ganz neue Formen an. Die Entwicklung einer neuen kulturellen Industrie bahnt sich an; einer Industrie, die auf den sogenannten Neuen Medien basiert. „Multimedia als Absicht“ bekommt einen sehr realen Sinn.

 

 

Marktplatz - elektronisches Publizieren

„Totgesagte leben länger“. „Die Zukunft ist jetzt“. „DVD: Action wie im Kino“. „CD-ROM-Markt im Aufwind“. Headlines wie diese erinnern beinahe an die Multimedia-Euphorie der frühen Jahre. Dürfen Produzenten aufatmen? Wenn etwa eines der renommiertesten europäischen Multimedia-Magazine (screen MULTIMEDIA, Ausg. 04/98) dem Aufschwung des CD-ROM-Marktes gar seine Cover-Story widmet, ist das nicht gerade ein schlechtes Zeichen. Jährlich werden allein eine halbe Million Lern-CD-ROMs verkauft. Ab Herbst `98 dürfen erstmals zehn Prozent des österreichischen Schul-Budgets für die Anschaffung von Neuen Medien ausgegeben werden. Der Edu- und Infotainment-Markt ist für Multimedia-Applikationen jedenfalls das ideale Spielfeld. Die Zukunftstechnologie DVD (Digital Versatile Disk), der Standard für die Speicherung von Film- und Videoinformationen, könnte, so die Proponenten, die CD-ROM ablösen. Immerhin könnte die neue Technologie in schon drei Jahren einen Löwenanteil des Multimedia-Marktes für Spiele, Videos und Datenbanken innehaben, wie manche meinen. Noch ist es allerdings nicht so weit. CD-ROMs werden immer beliebter und verkaufen sich besser denn je. Auch das Medium Internet gehört zusehends zum Alltag.

Die Entstehung eines neuen, bedeutenden Marktplatzes für elektronisches Publizieren zweifelt heute niemand mehr an. Der Multimedia-Sektor befindet sich - etwa auch in Deutschland - im Trend: Rund 800 Unternehmen gibt es derzeit in der Bundesrepublik und pro Jahr werden 150 neue Firmen gegründet, wie Ende März bei der Preisverleihung des „Gründungswettbewerbs Multimedia“ in Bonn erklärt wurde. Andere Firmen hingegen sperren wieder zu - die Dynamik ist auffallend. Generell gibt es im Bereich Multimedia jede Menge Widersprüche und geteilte Meinungen - vor allem über Zahlen und Größenordnungen. Das ist eine branchenübliche Problematik. Bill Gates würde sich heute vermutlich gern auf die Zunge beißen, um seine Aussage aus anno 1981 „640k müssen für jedermann genug sein“ rückgängig zu machen. Heute gilt ein Kernspeicher von zumindest 32 MB als state of the art, der globale (Freizeit-) Software-Markt ist 30 Milliarden Dollar wert; für 1999 - also bereits in einem Jahr! - werden in den USA Verkäufe von 100 Millionen Dollar für DVD-ROM-Software vorausgesagt. (Quelle: EU-Publikation  „The Future of Content“. Informationen am I´M Europe Server der Europäischen Kommission: http://www.echo.lu).

Dennoch ist „das große Geld“ in diesem Bereich erst wenigen vorbehalten. Der Massenmarkt ist trotz aller Euphorie noch nicht da und selbst manche Kaufhäuser ziehen sich aus wirtschaftlichen Überlegungen aus dem Multimedia-Markt zurück. Europaweit stellt sich etwa das Problem fehlender Handelsstrukturen für die elektronischen Produkte. Noch sind die Beteiligten mit unklaren Verhältnissen, zu raschen oder zu trägen Entwicklungen und jeder Menge Unsicherheiten konfrontiert. In der Riege elektronisch publizierender Verlage und sogenannter „Content-Provider“, auch etwa im Buchhandel, werden zahlreiche Zweifel laut: Welche Bedeutung wird der Multimedia-Markt erhalten? Welcher technische Weg ist der beste? Wie entwickelt sich die Technik? Fragen, deren Antworten immer näherrücken. (Medien-) Spezialisten arbeiten an probaten Konzepten und auch Politik und Wirtschaft werden immer mehr in die Thematik „elektronische Medien“ involviert. Laut Aussagen internationaler Experten geht der Weg zur „Konzentration am Markt“ weiter. Damit eng verknüpft ist der Trend zur Qualität: Weniger ist oft mehr, das gilt für Verlage und deren Produktionen. Die Bezeichnung „Boom“ im Zusammenhang mit interaktiven Medien dürfte Marktanalysten jedenfalls - nicht ganz unberechtigt - zur Skepsis anregen. Immerhin wird mit den neuen Technologien nur ein geringer Teil der Bevölkerung erreicht. Aber es kann immer alles auch ganz anders sein. „Multimedia wird zu einem Business“, meint etwa Werner Lippert im deutschen Jahrbuch „Annual Multimedia 98“. Nun, wer kann schon wirklich wissen, wie die Zukunft aussieht? Nicht einmal die Gegenwart scheint absolut festzustehen: Zwischen „Der Offline-Markt ist tot“ und „Den Offline-Markt als tot zu bezeichnen, ist der größte Schwachsinn aller Zeiten“ variieren die Antworten der Experten (screen MULTIMEDIA 4/98 beim virtuellen Roundtable mit Multimedia-Producern). Eines freilich dürfte feststehen:

 

Kommunikation wird immer wichtiger

Sämtliche Errungenschaften der Menschheit - sei es in Wissenschaft, Technik, Geschichte oder Kunst - wären ohne Sprache, ohne Kommunikation, nicht denkbar. Und Multimedia eröffnet - basierend auf der fortgeschrittenen Technologie und den vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten - ganz neue Anwendungsfelder und Potentiale, um zu kommunizieren. Mit den neuen Informationstechnologien ändert sich nicht nur die Form der menschlichen Kommunikation, sondern auch deren Kultur. Vielleicht ist etwa das Internet ein Vorbote dieser neuen Rolle der Information. Pierre Lévy spricht von der Personalisierung des Wissens durch die digitalen Netzwerke, von der „Reinkarnation des Wissens“. Lévy ist Professor für Philosophie im Fachbereich Hypermedia an der Universität Paris-Saint Denis. Web Sites etwa bringen die Ideen, Wünsche und Angebote von Personen und Gruppen sichtbar zum Ausdruck, meint er. Diese Web Sites sind nicht nur, wie Papierseiten, mit Unterschriften versehen, sie eröffnen auch oft über E-Mail, elektronische Foren oder andere Kommunikationsformen in virtuellen Welten wie etwa MUDs (Multi User Dungeons, virtuelle Versammlungsräume) eine direkte, interaktive Kommunikation.

Vor allem in den USA, aber zusehends auch in Europa konvergieren Industrien, die bisher nichts miteinander zu tun hatten - „herkömmliche“ Medienfirmen wie Verlagshäuser, die Telekommunikations-Industrie, Consumer-Electronic-Firmen, aber auch die Energiewirtschaft. Dazu kommen jede Menge strategische Allianzen, Joint-Ventures und Mega-Deals. Es wird wichtig sein, in diesem Umfeld eine Basis für ein neues Verständnis des Publizierens zu schaffen, unter Einbindung elektronischer Medien. Hier wird dem klassischen Verlag in den nächsten Jahren eine große Bedeutung zukommen. Das eigentliche „Thema“ bei Branchen-Meetings wie der Milia oder der Frankfurter Buchmesse kreist ja zumeist nicht um die Technologie, sondern um den Content. Denn es geht ja - bei aller Wichtigkeit - letztlich doch nicht um das (wenn auch Multi-) Medium, sondern um die (multi-?) message. Steven Spielberg soll einmal gesagt haben: „CD-ROMs haben es erst geschafft, wenn man vor dem PC sitzt und weint“. Nun, geneigte Medienkonsumenten; lasst uns doch schon prophylaktisch die Taschentücher zücken.

 

Marion Fugléwicz-Bren

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